Vergesst die „Zielgruppen“

Zur Zeit ist die deutsche Wissenschaftskommunikation in einer Art Selbstreflexionsprozess. WissenschaftsjournalistInnen, WissenschaftlerInnen und WissenschaftskommunikatorInnen diskutieren darüber, wie zu kommunizieren und was gute Wissenschaftskommunikation ist und was nicht. So weit so gut. Nach dem Siggener Kreis hatte vor zwei Wochen eine die WÖM-Arbeitsgruppe der Akademien ihre Stellungnahme dazu vorgestellt. Morgen und übermorgen trifft sich auf Einladung der Volkswagen-Stiftung eine Runde von etwa 60 Personen zu einem so genannten Experten-Workshop (Programm) zum selben Thema. Im Vorfeld dazu gab und gibt es zahlreiche Impulse in Blogbeiträgen (Links siehe unten).

Ich möchte hier zwei Punkte in die Runde werfen, die mir bei den Diskussionen um eine bessere Wissenschaftskommunikation immer wieder auffallen:

1.) Ich plädiere dafür, den Begriff der Zielgruppe abzuschaffen.

Grund 1: Zielgruppe klingt nach Einbahnstraßen-Kommunikation. Ich rede, Du hörst zu. Das ist kein zeitgemäßes Verständnis der Wissenschaftskommunikation in einer beteiligungswilligen, offenen, transparenzfordernden Gesellschaft. Stattdessen geht es – insbesondere aber nicht nur in der Online- und speziell Web 2.0-Kommunikation – doch um Interaktion und einen (nicht nur simulierten) Dialog. Ich schlage daher vor, den Zielgruppen-Begriff durch den der Interaktionsgruppe zu ersetzten. Das zeigt viel besser an, dass es uns auch ums Zuhören, Ernstnehmen und Eingehen auf unsere Kommunikationspartner nicht nur um das Gehörtwerden geht.

Grund 2 (speziell für Online und Social Media-Kommunikation): „Zielgruppengerechte Kommunikation“ – das klingt in Kommunikationsstragien und -leitfäden erstmal gut, weil man sich über seinen Kommunikationspartner Gedanken gemacht hat. Letzteres ist natürlich in der Tat notwendig und gut. Aber wenn das dazu führt, dass man die Kommunikation „genau so und nicht anders“ betreibt, eben weil „unsere Zielgruppe“ das genau so und nicht anders wünscht, dann verkennt das ein Phänomen: Das Internet ist nahezu unendlich groß. Auf jeden Leser, der nur 3000 Zeichen lesen will, kommt eine Leserin, die dieselbe Geschichte in 9000 Zeichen lesen möchte. Auf jeden Benutzer, der ein Youtube-Video gerne 2 Minuten lang hätte, kommt einer, der es gerne 2 Stunden lang hätte. Und auch bei Kriterien wie „welche Vorkenntnisse setzen wir voraus“, „wie viel Unterhaltungselemente kommen gut an“ oder „wie locker darf der Tonfall sein“ kann es aus meiner Sicht im Internet nicht die eine Wahrheit geben. Daher wird das Reden von „der Zielgruppe“ unsinnig.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch die Interaktionsgruppen müssen von den Wissenschaftskommunikation-Betreibenden für ihr jeweiliges Kommunikationsziel definiert werden. Ziele und eine Strategie braucht man natürlich nach wie vor.

2.) Die Wissenschaftskommunikation muss eigene Wege bezüglich der Herausforderungen der Aufmerksamkeitsökonomie finden.

Die Kommunikationsangebote nehmen ständig zu. Neben klassischen Medien steigt gerade bei jungen Menschen die Nutzung von Chatdiensten wie Whatsapp und Social Media-Diensten wie Youtube und Facebook. Doch der Tag hat weiterhin nur 24 Stunden. Die Frage lautet also sowohl für WissenschaftsjournalstInnen als auch für WissenschaftskommunikatorInnen: Wie schaffe ich es, die Aufmerksamkeit meiner Interaktionsgruppe zu erhalten? – und zwar angesichts der oben beschriebenen Herausforderung, dass man mit immer mehr anderen Angeboten konkurriert. Hier sehe ich bislang noch zu wenige Antworten.

Einen möglichen Weg, damit umzugehen, habe ich für die institutionelle Wissenschaftskommunikation einer Forschungsorganisation neulich einmal in den Helmholtz-Blogs beschrieben. Kurz gesagt: Spannende Audio-Podcasts, die Hörende dann konsumieren können, wenn es ihnen keine Zeit klaut, sind ein tolle Chance für die Wissenschaftskommunikation – auch weil sie Wissenschaft über ihre Akteure darstellen: persönlich und ausführlich. Das ist aber nur ein Beispiel. Ich will damit nicht sagen, dass Podcasts die Lösung des Problems sind. Ich würde aber gerne Ideen austauschen, mit welchen weiteren Methoden wir die Aufmerksamkeit unserer Interaktionsgruppen  gewinnen können.

Links und Lese-Tipps zum Thema

 

Datenjournalismus: Linkliste Forschungsdaten-Portale

Die Diskussion um OpenScience wird immer wichtiger. Ein wichtiges Thema ist hierbei auch OpenData, also dass die Wissenschaft ihre Forschungsdaten frei zugänglich und idealerweise auch unter offenen Lizenzen für alle Interessierten zur Verfügung stellt. Gerade wenn es sich um steuerfinanzierte Forschung handelt, sollte das der default sein, finde ich. Für mein Arbeitsgebiet, die Öffentlichkeitsarbeit von Wissenschaftsorganisationen, sehe hierbei insbesondere eine wichtige Aufgabe, DatenjournalistInnen mit ihren Wünschen und Ansprüchen genau so gut zu bedienen, wie wir es für andere JournalistInnen und bei BürgerInnenanfragen auch tun.

Daher fragte ich im Februar dieses Jahres mal auf Twitter rum, was DatenjournalistInnen eigentlich von uns erwarten. Lorenz Matzat hat daraufhin dazu etwas gebloggt. Hieraus ergab sich die Idee, den Kontakt zu DatenjournalistInnen zu intensivieren. Ich lud daher Christian Elmer aus der SpOn-Wissenschaftsredaktion zu einem Treffen der Online-Redakteure der Helmholtz-Gemeinschaft nach Kiel ein, wo sie uns Ende Oktober 2013 ihre Wünsche und Bedürfnisse an Forschungsorganisationen vorstellte. In diesem Zusammenhang sammelten wir auch Links zu bereits innerhalb von Helmholtz bestehenden Forschungsdaten-Portalen, die ich hier einmal wiedergeben möchte:

  • http://expedition.awi.de – AWI EXPEDITION – a portal framework for discovery and re-use of varios types of georeferenced expedition-related content (reports, publications, tracklines, stations, datasets and data products) associated with AWI research platforms, in particular the research vessels Polarstern and Heincke.
  • https://verc.enes.org/c3web – C3Grid – a collaborative grid for climate community including access to sea-ice data (additional information).
  • http://maps.awi.de – GIS – an open access collection of AWI GIS products (work-in.progress; see addtional information)
  • http://www.pangaea.de – PANGAEA – a repository for georeferenced data for earth and environmental sciences operating as an open access data library. PANGAEA is a member of the ICSU World Data System (WDS) and is being jointly hosted with the Center for Marine Environmental Science (MARUM) at the University of Bremen (additional information).
  • https://web-apps.awi.de/Hustedt-Diatoms/Curator/ – HUSTEDT DIATOMS – a georeferenced database for the Freiderich Hustedt Diatom specimen, among others. It includes related publications
  • http://www.pangaea.de – PLANKTONNET – a database for plankton-related information including taxonomy, description and imagery on various plankton collections.
  • http://www.manida.org – Marine Network for Integrated Data Access, “Datenportal Deutsche Meeresforschung”, Helmoltz finanziertes (!) Projekt, an dem neben AWI, GEOMAR und HZG auch das marum, das BSH und die Uni Kiel beteiligt sind (im Aufbau).
  • http://wdc.dlr.de/ – DLR – Weltdatenzentrum für Erdbeobachtungsdaten von Satelliten
  • http://teodoor.icg.kfa-juelich.de/overview-de – FZJ – TERENO
  • https://portal.geomar.de/ – The GEOMAR Data Management Portal for Kiel Marine Sciences hosted at GEOMAR. The system consists of a portal, providing access to projects of GEOMAR, the cluster of excellence „Future Ocean“, SFB 574 and SFB 754 with personal password. Moreover, you can access the expedition database, that organizes data description and exchange of cruises and expeditions for each project. Expeditions are linked to KML-files (Google-Earth compatible), allowing a visualization of all stations of a cruise/expedition, to the publications database /repository OceanRep (EPrints), as well as the description of model-output and linkage to paper publications.
  • http://geofon.gfz-potsdam.de/ – GFZ – Erdbebensystem GEOFON:
  • http://codm.hzg.de/codm/ – HZG – Küstenforschung, Meeresforschung: Erklärung: http://www.hzg.de/institute/coastal_research/cosyna/009165/index_0009165.html
  • http://dorina.mdc-berlin.de/ – MDC (database of post-transcriptional regulatory elements)
  • http://cirbase.org/ – MDC (database of circRNAs)
  • http://psilac.mdc-berlin.de/ – MDC (database of pSILAC data – information about changes in mRNA levels and protein synthesis following microRNA misexpression in HeLa cells)
  • http://artemis.mdc-berlin.de/y2h_network/ppi_search.php – MDC (Human protein-protein interaction network)
  • http://artemis.mdc-berlin.de/huntington/eingabe.php – MDC (Huntingtin protein-protein interaction network)

Mehr Links/Infos unter http://www.forschungsdaten.org/ und http://www.re3data.org/

Wie gesagt: Das sind nur Links zu Forschungsdaten-Portal aus der Helmholtz-Gemeinschaft und sie ist auch überhaupt nicht vollständig. Woanders gibt es noch viel mehr. Ich wollte nur mal beginnen zu sammeln, was es überhaupt schon gibt. Über weitere Links und Kurzbeschreibungen in den Kommentaren freue ich mich natürlich. Ich trage das hier aus Anlass des Online-Camps zusammen, das Marc Scheloske und Lars Fischer wieder auf der Wissenswerte organisieren. Da die beiden explizit um Input gebeten hatten, was wir dort besprechen können, wollte ich das hier nur mal kurz dokumentieren. Die Liste mag einen Eindruck vermitteln, was DatenjournalistInnen schon heute an Forschungsdaten von Wissenschaftsorganisationen bekommen können, auch wenn sich alle natürlich immer noch mehr und bessere Formate/Schnittstellen/Lizenzen etc. wünschen.

FastForwardScience – Jetzt für Wissenschaftsvideos abstimmen

Der Wettbewerb FastForwardScience zu kurzen Wissenschaftsvideos auf Youtube tritt nun in die nächste Phase ein. Bis Ende August wurden 89 Videos eingereicht – teils von Institutionen, teils von Privatpersonen. Den ganzen September zählen die Organisatoren um Katja Machill von Wissenschaft im Dialog nun die positiven Interaktionen zu den Videos auf Youtube. Dann kürt eine Jury die Gewinner. Ihr könnt also durch positive Kommentare oder einen „mag ich“-Klick mit abstimmen. Hier die Playlist:

Physik-Spaß mit beschleunigter App

Strengwissenschaftler Messaufbau (CC-BY 3.0)
Strengwissenschaftler Messaufbau (CC-BY 3.0)

Diese App ist was für jedeN PhysiklehrerIn und jeden, der mal ein Kind ein Stündchen lang unterhalten und dabei etwas Physik beibringen will: SparkVue ist eine App, die die Beschleunigungssensoren von Smartphone beziehungsweise Tablet ausließt und zum Beispiel in Form einer Messkurve ausgibt. So macht Physik Spaß: Einfach mal das Handy aus einem Meter Höhe aufs Sofa fallen lassen oder sich mit ausgestrecktem Arm und dem Smartphone in der Hand im Kreis drehen. SparkVue kann die Beschleunigung als Funktion der Zeit plotten, alternativ eine Beschleunigungsanzeige in Form eines Tachos anzeigen und sogar die Messwerte als CSV-Datei exportieren.

Ich vermute, dass das mit Kindern und in der Schule echt Spaß macht – und für die junge Zielgruppe wesentlich interessanter ist, als mit irgendwelchem verstaubten Messaufbauten des Physikunterrichtsraums zu arbeiten. Also liebe Physik-LehrerInnen und Nerd-Eltern: Ran an die Physik-Apps! SparkVue gibt es für Android (kostenpflichtig) und für iOS (iPhone, iPad, iPod touch), in einer Grundvariante kostenlos und als Bezahlversion mit weiteren auslesbaren Sensor-Informationen.

„Physik-Spaß mit beschleunigter App“ weiterlesen